Es erscheint mir verwunderlich, dass meine Mitmenschen diesen Ort als Land der Verbannten bezeichnen. Könnte ich ihm einen Namen geben, würde ich ihn als Gelobtes Land bezeichnen, da ich keinen segensreicheren Ort kenne.
Einst war ich ein kühner und törichter Mann, der jüngste Spross eines niederen Adeligen in Poitain. In jener Zeit war ich besessen von Reichtum und Ansehen. Also zechte und spielte ich mit anderen jungen Männern von fragwürdigem Charakter.
Als mein Vater von meinen Spielschulden erfuhr, ließ er mir keine Wahl. Er schickte mich kurzerhand in ein Kloster, in dem ich über meine Sünden nachdenken sollte.
Ich war kein guter Mönch, das gebe ich offen zu. Da mir mein Vergnügen stets wichtiger war als mein Seelenheil, bestahl ich das Kloster in so mancher Nacht und erleichterte es um Vorräte und Bier. Die anderen Mönche mochten mich natürlich, doch irgendwann erkannte der Abt meinen schlechten Einfluss auf seinen gesamten Orden.
Schließlich beschloss er, mich loszuwerden.
Eines Nachts wachte ich – an Händen und Füßen gefesselt – auf, als mich zwei kräftige Männer aus meinem Bett hoben und mich die gewundene Steintreppe des Klosters hinuntertrugen. Der Abt begleitete uns ... Händeringend und mit flehenden Augen.
"Mein Kind, diese Entscheidung bricht mir das Herz, aber ich verliere die anderen. Diese Männer bringen dich an einen fernen Ort, an dem du weit weg von deinem Vater oder Mitra ein neues Leben beginnen kannst. Das ist das Beste für dieses Kloster und auch für dich. Sag mir, dass du das verstehst", flehte er mich an.
"Und wenn mir diese Männer die Kehle durchschneiden, Abt? Dann hättet Ihr meinen Tod zu verantworten." Ich spuckte aus.
"Mir wurde versichert, das wird nicht passieren." Als er das sagte, warf er einen nervösen Blick auf die beiden Männer. "Ich wünsche dir alles Gute für dein neues Leben, mein Kind." Dann wandte er sich um und ging.
Ich wurde auf einen Karren geworfen, mit Sackleinen bedeckt und meinen angsterfüllten Gedanken überlassen.
Ich vermag nicht zu sagen, wie lange meine Reise dauerte. Ich wurde von Hand zu Hand weitergerecht – und stets besiegelten einige goldene Münzen den Handel. Langsam füllte sich der Karren mit anderen Gefangenen – Männern und Frauen aus verschiedenen Ländern. Einige von ihnen waren Adelige, andere gewöhnliche Bürger. Niemand wusste, wohin wir gebracht wurden ... oder warum. Die meisten von uns nahmen an, dass wir shemitischen Sklavenhändlern in die Hände gefallen waren.
In der letzten Nacht meines alten Lebens erhielten wir unsere Rationen ... einen zähflüssigen Eintopf aus Gemüse und Fleisch. Wie die anderen schlang auch ich ihn gierig in mich hinein. Und wie die anderen versank auch ich in einer tiefen Dunkelheit, als das Gift seine Wirkung entfaltete.
Am nächsten Tag begann mein neues Leben.
Als ich erwachte, lag ich nackt im Sand einer riesigen Wüste. So weit das Auge reichte, waren keine anderen Menschen zu sehen, nur einige Ruinen und die endlose Leere der kargen Landschaft. Obwohl ich orientierungslos war, machte ich mich in der Hoffnung, irgendjemanden oder irgendetwas zu finden, auf den Weg.
Beinahe wäre ich dabei gestorben. Als ein Sandsturm mit zuckenden Blitzen über mich hinwegfegte, suchte ich im Schatten einer umgestürzten Statue Zuflucht.
Doch mit dem Sandsturm kamen auch die Bestien. Ich konnte hören, wie sie mit dem kreischenden Wind heulten.
In diesem Augenblick überkam mich eine große Reue ob meines bisherigen Lebens, und ich dachte zum ersten Mal seit Jahren an meine Familie. Ich flehte Mitra an, dass er über meine Seele wachen möge, und vergab dem Abt, der nur versucht hatte, seine Herde zu schützen.
Dann plötzlich sprach Mitra zu mir, und seine Worte galten mir allein. Er umfing mich mit seiner Gegenwart und verbarg mich vor den Kreaturen. Und in dieser dunkelsten Stunde meines Lebens gab ich mich zur Gänze Mitra hin.
Ich verließ die Wüste als geläuterter Mann und fand mit Mitras Hilfe diesen Ort. Dieser Schrein ist meinem Gott und allen verbannten Seelen geweiht, die fern ihrer Heimat und voller Angst einen Ort der Ruhe suchen.
Ich hinterlasse meine Geschichte hier in der Hoffnung, dass sie andere beflügeln möge. Ich selbst bin weitergezogen, tiefer hinein in das Land der Verbannten. Mitra sagte mir, es gäbe dort viel zu tun.